Aktuell

Anne Jud
Sommerpause und Öffentliches Wohnen

Installation 02. Juli - 01. August
Finnissage 29. Juli 2021, 18:00 - 24:00 Uhr

In der Reihe:
Der beschwerliche Reichtum. Unabhängige Künstler*innen im Berlin der 1980er Jahre und heute
Kuratiert von Alexandra Weltz-Rombach
Galerie Auslage, Pücklerstrasse 17, 10997 Berlin
https://galerie-auslage.de/burdensomerichness/

Vom 02. Juli - 1. August präsentiert Galerie Auslage als Hommage an die Künstlerin Anne Jud ihr Video zu „Sommerpause” (1980) sowie photographische Dokumentationen von „Öffentliches Wohnen” (1980).

Anne Jud war nach einer Schauspielausbildung in Zürich und Wien 1974 nach Berlin gekommen, wo sie 1976 ihr künstlerisches Arbeiten begann. Von 1977 bis 1981 war sie Mitglied der Galerie am Moritzplatz. Ihre Performances bevölkerten den West-Berliner Stadtraum der 1980er Jahre.

Bis Anfang der 1990er Jahre arbeitete Jud auch als Kostümbildnerin, so in Theaterproduktionen unter der Regie von Peter Stein oder Julia Siemers, in Filmen von Elfi Mikesch / Monika Treut, Ulrike Ottinger, Monika Funke Stern oder Rosa von Praunheim und in der Kostümassistenz mit Gisela Storch bei Jean Jourdheuil, Werner Herzog, Thomas Brasch oder Anthony Page; von 1987-1991 unterrichtete sie Kostüm an der Berliner HdK.

Neben objekthaften Arbeiten – vor allem Collagen, Assemblagen, möbelartigen Gegenständen und ein paar Filmen – bildete Performance ein Schwerpunkt ihrer künstlerischen Tätigkeit.

Natürlich ist Performance ein zeitbasiertes Medium, für manche ihre Arbeiten dehnte Jud das aber über den im musealen oder Galerien-Kontext erlaubten Bereich hinaus aus. Konsequenterweise arbeitete sie dafür im öffentlichen Raum. So ließ sie sie sich 1979 für 24 Stunden im SO 36 einschliessen („Eine Nacht eingeschlossen im SO 36”). Die im folgenden Jahr ebenso auf 24 Stunden angelegte Performance „Öffentliches Wohnen” auf der Naunynstraße musste sie nach Angriffen von benachbarten Hausbesetzern abbrechen, führte sie aber über in „Sommerpause” (1980), wo sie dann 24 Stunden auf einer Couch auf einer Brache in der Nähe des Potsdamer Platzes verbrachte. Anne Jud wurde von Freund*innen besucht und versorgt und dokumentierte Begegnungen und Begebenheiten in diesem Zeitraum; neben des intensiven weil andauernden Aussetzens und Ausstellens des eigenen Körpers (und Geistes), war ein Aspekt dieser Arbeiten auch die Interaktion mit zufällig vorbeikommenden Passanten.

Man sollte den Ton in ihren Performances nicht außer acht lassen: sei er konkret – beispielsweise in der Form eines Soundtracks, wie der von DIN A Testbild für „Karo” (1981) oder der von Gudrun Gut für „'Ad Acta' Die vier Jahreszeiten” (1986, und zwei sich daraus entwickelnden Arbeiten in 1988), oder als elementarer Bestandteil der Performance, wie die zerberstenden Spiegelplatten bei „Eiskalt" (1987) oder die Windspiele in „Säulen-Installation” (Schlosspark Charlottenburg, 1992), oder auch mehr oder weniger präsent, so die an- und abschwellenden vor- und zurücktretenden Klänge des urbanen Raums –  oder abstrakt, als Gedanke anwesend, so in der Wahl der Orte ihrer in Innenräumen stattfindenden Performances, wie den Konzertsälen SO36 Berlin oder Alter Wartesaal Köln.

Ein halbjähriger Studienaufenthalt 1975/1976 in USA und Mexiko nährte Anne Juds Faszination für Amerika. In ihren Collagen und Assemblagen verarbeitete sie über Jahrzehnte hinweg US-Amerikanische Dollarnoten (später auch Briefmarken); sie sezierte sie, benutzte sie als Rahmungen, vernähte sie 1980 für eine Performance zu einer Jacke, schneiderte Anzüge, die sie seriell bedruckte, verwendete sie in der Mode-Edition „Masterpieces” (1986, mit Claudia Skoda), kopierte sie auf transparente Folien wie bei „Foto-Aktion mit Dollar-Klarsicht-Form-Kleid” (1979) oder der Performance „Der Fechter ist gefangen” (Budapest, 1981) oder verwandelte und überhöhte Objekte, Möbel und Alltagsgegenstände, die sie mit Dollarnoten beklebte und bedruckte. Dabei schwingen Momente affirmativer Überhöhung und eines kritischen Blicks nebeneinander, ergänzen sich, überschneiden sich, widersprechen sich.

In ihrer Biographie erscheint es so nur stimmig, dass Anne Jud Mitte der 1990er Jahre ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Solvang, USA verlegte, wo sie den Chirurgen Wolfgang C. Hallauer heiratete und das Artstudio on The Hallauer Ranch öffnete. 2016 verstarb sie unerwartet an einem Aneurysma.

Andreas Reihse

Neu in der Sammlung Haupt, Berlin

März 2021

Neu in der Sammlung: »die geteilte Frau oder Amerika in der Hochblüte« von Anne Jud

Vielfältige Assoziationen und Deutungsmöglichkeiten bietet ein neu in den Bestand der Sammlung aufgenommenes Blatt der Schweizer Künstlerin, die überwiegend in Deutschland und den USA lebte und arbeitete. In verschiedenen Bereichen und Phasen ihres künstlerischen Schaffens beschäftige sich Jud schon frühzeitig und immer aufs Neue mit dem Thema Geld.

Die 1953 in Kastanienbaum bei Luzern geborene Künstlerin absolvierte zwischen 1972 und 1974 eine Schauspielausbildung in Zürich und Wien und zog 1974 nach Berlin (West). Eine sechsmonatige Studienreise führte sie in 1975/1976 durch Mexiko und die USA. Bereits in dieser Zeit entstanden erste Arbeiten zum Thema Geld, ausgelöst vom allgegenwärtigen Dollar mit seiner – damals noch – schillernden Präsenz. Mit der Überzeichnung und collagierenden Weiterverarbeitung von Banknoten begründete Jud damit für die moderne Kunst der BRD eine Methode, die wenig später auch Joseph Beuys für sich entdecke – und damit wesentlich mehr Bekanntheit erlangte.

In zahlreichen Collagen aus der Mitte der 70er Jahre, entstanden während bzw. im Kontext des USA-Aufenthalts, nimmt die 1-Dollar-Note einen zentralen Platz bei Jud ein – mehr oder weniger deutlich noch erkennbar in den Adaptionen. Mit der vorliegenden Arbeit »die geteilte Frau…« tritt der aufgedoppelte Dollar-Schein, eingebettet in eine grafische Struktur, fast gänzlich hinter der fast formatfüllend collagierten Darstellung zurück, welche sich bei näherem Hinschauen als kolorierte Replik einer quer geteilten Ansichtskarte entpuppt. Diese zeigt eine Dame in – für damalige Zeiten – auffallend knapper Badebekleidung, und steht damit einen Topos, der sich seit ca. Mitte der 50er Jahre großer Beliebtheit erfreute. Allein der Umgang mit dem Motiv und auch die Titelgebung assoziieren ironisch-verfremdend das Klischee der zersägten Frau, eher bekannt aus der ›Wunderwelt‹ der Magie.

Anne Jud: die geteilte Frau oder Amerika in der Hochblüte, 1977

handcoloriert auf Papier, 21 × 29,7 cm, verso signiert und beschriftet, Repro: Hermann Büchner
© Kunstwerkeerhaltungsfond Anne Jud

Mit dem Werktitel-Zusatz »… Amerika in der Hochblüte« wird das Ganze mit dem american way of life unter folgerichtiger Einbindung des Status-Symbols dazu, dem Dollar, zusammengeführt.

veranschaulichende Rekonstruktion (d. Verf.) des verwendeten Motivs, vermutlich eine Postkarte oder werblicher Flyeraption

Anne Jud:

Vor vielen Jahren als ich zum ersten Mal in die USA reiste, lernte ich die amerikanische One Dollar Note kennen. Ich begann ihr einzigartiges Potential als Kunstobjekt zu schätzen und über die Jahre verstand ich mehr und mehr die universelle Bedeutung, die sie trägt.

die geteilte Frau oder Amerika in der Hochblüte, Rückseite

Für Anne Jud stand nach der Rückkehr nach Berlin (1976) zunächst die Mitarbeit bei Theater- und Filmproduktionen im Mittelpunkt der künstlerischen Tätigkeit, bevor sie sich ab 1977 (zeitlich begrenzt mit dem Umzug in die USA im Jahr 1994) verstärkt Performances und Aktionen zuwandte. In einigen davon spielte Geld auf unterschiedliche Weise die wichtigste Rolle, z. B. bei der »Dollar Installation«, realisiert 1985 zusammen mit Herbert Jakob Weinand in dessen Berliner Galerie: inkludiert ein innen mit Dollarnoten ausgeschlagenes Panzerschrank-Objekt, flankiert von den Protagonisten, gekleidet in Dollaranzüge.

Anne Jud mit Dollar Jacket
»ES-K-ER«, 1980
© Kunstwerkeerhaltungsfond Anne Jud

MASTERPIECES, 1986
Mütze und Kleid,
Leinen-Camelhaar-Alpacca
© Kunstwerkeerhaltungsfond Anne Jud

Dollar Installation, 1985
mit Herbert Jakob Weinand
© Kunstwerkeerhaltungsfond Anne Jud
Foto: Idris Kolodziej

Ich gestalte das Dollar Jackett »ES-K-ER« (Es könnte er!) aus Papier zum Tragen mit dem Ziel, die Bewegungsfreiheit einzuschränken und den Verbrauch durch das Tragen deutlich zu machen.

Für »Masterpieces« (1986) lieferten auch Luciano Castelli und Rainer Fetting Entwürfe, die von der Mode-Designerin Claudia Skoda als Pullover und (im Falle von Anne Jud) als komplettes Kostüm (Kleid, Pullover und Kopfbedeckung) in 300er Auflage in Leinen-Camelhaar-Alpacca umgesetzt wurden.

Das Ensemble wird in einer aktuellen Ausstellung der Kunstbibliothek in den Staatlichen Museen zu Berlin präsentiert: »Claudia Skoda – Dressed to Thrill«, ab möglicher Öffnung bis 18.07.2021, Informationen unter https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/claudia-skoda/

Die Künstlerin, auch als Kostümbildnerin für Theater- und Filmproduktionen tätig, war Ende der 70er und in den 80er Jahren fest eingebunden in die West-Berliner Kunst- und Ausstellungsszene. Zusammen mit dem Maler Salomé entstand 1986 die Arbeit »Dollarsturz«.

Vom Geld als zentralem Thema bei Jud zeugen auch Ausstellungen bzw. -beteiligungen bereits Ende der 70er Jahre, z. B. 1978 »Dollars« in der Galerie am Moritzplatz, Berlin und die Teilnahme am bahnbrechenden Projekt »ART. Museum des Geldes – Über die seltsame Natur des Geldes in Kunst, Wissenschaft und Leben« 1978/1979 in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf, kuratiert von Jürgen Harten und Horst Kurnitzky. In der Ausstellungen wurden u. a. Werke von Künstlern gezeigt, die heute in der Sammlung Haupt vertreten sind: Klaus Staeck, Timm Ulrichs, Joseph Beuys. Der Niederländer Jan Henderikse, einer der wichtigsten Vertreter des Informel, präsentierte im Rahmen dieser Aufsehen erregenden Ausstellung den auf 1977 datierten Geld- bzw. Dollar-Mantel und es ist nicht auszuschließen, dass Anne Jud Anregungen zur Symbiose von Geld und Kleidung dort aufnahm.

Jürgen Harten merkte rückblickend auf das Projekt an: »1978 habe ich mit Horst Kurnitzky zusammen eine sehr merkwürdige thematische Ausstellung gemacht: »Das Museum des Geldes« . Ich hatte beobachtet, dass bei verschiedenen Künstlern immer wieder mit unterschiedlichsten Mitteln irgendwelche Anspielungen auf Geld vorkamen. Ich wollte dem einmal nachgehen, wusste aber überhaupt nicht, wie man daraus eine Ausstellung machen kann. (…) Die Idee war, dass das Geld ursprünglich gesellschaftlichen Verhältnissen zu verdanken war, die Opfer verlangten, und dass die Opfer am Anfang der zivilisierten Kultur – weibliche – Menschenopfer gewesen waren, die später durch Tieropfer ersetzt wurden, die symbolisch auch wieder im Geld vorkommen.
(zitiert nach: Städel Museum: Café Deutschland – Im Gespräch mit der ersten Kunstszene der BRD – Jürgen Harten, 15.11.2016, Quelle: https://cafedeutschland.staedelmuseum.de/gespraeche/juergen-harten#juergen-harten-fn-99 )

Anne Jud ist dem Thema in den späteren Jahren ihres Schaffens mit diversen Kreationen treu geblieben, für die Geld in Form von 1-Dollar-Banknoten (oder Farbkopien davon) Verwendung fand: zunehmend haptischer, bisweilen auch dekorativer eingesetzt als in den Collagen der frühen Zeit: in Gestalt gefalteter Papierflieger, plastischen Objekten mit Überklebungen (z. B. in Form von Ei, Damenschuh oder Schusswaffen) oder aber als komplexe Collagen/Assemblagen in Stahlrahmen.

Beispiele im Sammlungsbestand sind »Dollarfächer« sowie »Dollarfächer am Stiel« von 2002.

Dollarfächer am Stiel, 2002
Assemblage: gefaltete Farbkopien, Holz, Glas,
H: 69 cm
Foto: Jakob Zoche

Dollarfächer am Stiel, 2002
Assemblage: gefaltete Farbkopien, Holz, Glas,
H: 69 cm
Foto: Jakob Zoche

Informationen im Internet

Internetpräsenz zum Schaffen der Künstlerin mit zahlreichen Abbildungen und Informationen zum Werk: https://annejud.com/

Wikipedia-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Jud

Herausgeber:
Sammlung Haupt c/o Prof. Dr. Stefan Haupt · Reinbeckstraße 21 · D 12459 Berlin Telefon: +49 (0)30 28387521
E-Mail: hb@sammlung-haupt.de

Text: Dr. Hermann Büchner, Kurator der Sammlung Haupt, unter Verwendung von Materialien, bereitgestellt durch den Kunstwerkeerhaltungsfond Anne Jud – mit Dank für die freundliche Unterstützung an Lisa Wismer-Jud

Ausstellung von Claudia Skoda

Entwurf:
Anne Jud

Produktion:
Claudia Skoda
1986

Material:
Leinen-Camelhaar-Alpacca

Zukünftige Daten

Ausstellung der Werke von Anne Jud im Rathaus Sursee vom 23.1.2022 – 13.2.2022